„Res iudicata“? Wie Recht geschrieben wird: Unterscheidungsmerkmale von Rechtstexten

Ein Rechtstext unterscheidet sich aus linguistischer Perspektive um einiges von der Alltagssprache, die jeder nutzt. Das trifft besonders dann zu, wenn man es mit sogenannten autoritativen Rechtstexten zu tun hat, also solchen, die Rechte oder Verpflichtungen von Individuen oder Institutionen schaffen, verändern oder begrenzen: Verfassungen, Verträge, Anweisungen, Dekrete, Statuten, Testamente und dergleichen mehr. Jede dieser verschiedenen Gattungen von Rechtstexten verfügt mehr oder weniger über ein eigenes und recht stereotypes Format und ist für gewöhnlich in einer spezifischen Rechtssprache verfasst, die sich kulturell bedingt von anderen Rechtssprachen unterscheiden kann. Den meisten gemein sein dürfte jedoch, dass sie über einen oder mehrere performative Sprechakte verfügen, wie der Sprachtheoretiker J. L. Austin es ausdrückt. Das heißt nichts anderes, als dass sie bestimmte Wendungen aufweisen, die ihre beabsichtigte Funktion umsetzen sollen, so wie ein Vertrag so gut wie immer etwa eine oder mehrere Versprechungen beinhaltet, ein Testament weist Verben auf, die zum Ausdruck bringen, dass Besitz im Todesfall übertragen wird usw. Es sind also gerade die Struktur und die spezifische Sprache dieser Texte, die sie von anderen Texten, etwa Liedtexten, Zeitungsartikeln oder einer Packungsbeilage unterscheiden.

Zudem ist natürlich der Kontext, in welchem sie Verwendung finden, entscheidend. Bringt man eine Klage nicht vor Gericht ein, sondern trägt sie zum nächsten Apotheker, hat sie dort keinerlei Wirkung. Denn die kann sie nur vor Gericht erlangen, und auch nur, wenn sie von jemandem eingebracht wird, der in der Rolle des Klägers auftritt. Doch darum soll es im Folgenden nicht gehen. Vielmehr wird die Frage im Vordergrund stehen, was einen Rechtstext in struktureller und linguistischer Hinsicht auszeichnet, wobei nur einige wichtige Merkmale zur Sprache kommen können.

Zwei der wohl hervorstechendsten Merkmale von Rechtstexten sind ihre Formelhaftigkeit und ihr stereotyper Aufbau. Sicherlich können einige Texte eine ziemlich elaborierte Struktur aufweisen, aber typischerweise folgen sie einer vorgegeben Struktur, die sich kaum verändert und lediglich mit Inhalt „gefüllt“ werden will, je nachdem, um welche Sache es sich handelt. So weiß jeder, der schon einmal einen rechtsverbindlichen Vertrag wie einen Mietvertrag oder einen Handyvertrag unterzeichnet hat, das zunächst die Parteien benannt werden müssen, die den Vertrag miteinander eingehen. Es gibt unter Umständen verschiedenste Paragraphen und Klauseln, definitiv aber müssen Ort und Datum sowie Unterschriften der geschäftsfähigen Parteien am Ende des Vertrages zu finden sein, damit er Gültigkeit erlangt.

Die Sprache von Rechtstexten ist zum Ziel zahlreicher Studien geworden, einige davon untersuchen sie unter sprachgeschichtlichen Aspekten, andere in Hinblick auf ihrer Performativität oder die Frage, wie man sie verständlicher machen kann. Immerhin handelt es sich um eine Fachsprache, die sich, egal ob im Deutschen, Englischen oder Chinesischen zumeist über viele Jahrhunderte entwickelt hat und oft von Spezialisten erlernt werden muss. Juristen verfügen dementsprechend etwa über das notwendige Fachvokabular, das sich in der westlichen Zivilisation zum Teil noch aus dem Latein speist („bona fide“ – in gutem Glauben; „res iudicata“ – entschiedene Sache etc.). Die Wendungen muten oftmals archaisch an, es gibt viele unpersönliche und Passivkonstruktionen, Nominalisierungen, mehrfache Verneinungen, lange und komplexe Sätze sowie inhaltliche Redundanzen (sogenannte Paarformeln).